Bundesministerin Dorothee Bär besuchte Fraunhofer IME in Gießen
RNAi-Spray gegen Kartoffelkäfer und nachhaltige Insektennutzung im Fokus
Die Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR), Dorothee Bär , hat am 12. März 2026 den Institutsteil Bioressourcen des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME in Gießen besucht. Im Mittelpunkt standen innovative Ansätze für eine nachhaltige Landwirtschaft – vom neuartigen RNAi-Spray gegen den Kartoffelkäfer bis zur Nutzung von Insektenlarven als Proteinquelle und nachhaltigen Dünger.
Zu Beginn des Besuchs erhielt die Ministerin von der Nachwuchsgruppenleiterin Dr. Kornelia Hardes Einblicke in das Hochsicherheitslabor des Fraunhofer IME. Ihre vom BMFTR mit über drei Millionen Euro finanzierte Nachwuchsgruppe erforscht neue Wirkstoffe gegen Virusinfektionen. Des Weiteren forscht Hardes an neuen Technologien für die nachhaltige und umweltfreundliche Bekämpfung invasiver Moskitos wie der Tigermücke, die unter anderem Dengue-, Gelbfieber- und Zika-Viren auf den Menschen übertragen kann (Mehr Info).
Die Doktorandin Leonie Graser stellte das weltweit erste RNAi-Spray gegen den Kartoffelkäfer vor: Calantha® (Wirkstoff: Ledprona), das 2023 in den USA zugelassen wurde. Eine gemeinsame Studie von »GreenLight Biosciences«, dem Fraunhofer IME, Institutsteil Bioressourcen, und der Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen zeigt: Das Spray schaltet gezielt ein lebenswichtiges Gen im Kartoffelkäfer aus und wirkt hochspezifisch über eine Störung des Proteasoms – ein wichtiger Schritt hin zu umweltverträglichem Pflanzenschutz (Mehr Info).
Prof. Dr. Andreas Vilcinskas, Institutsteilleiter »Bioressourcen« des Fraunhofer IME, erforscht bereits seit 2006, wie die RNA-Interferenz zur umweltfreundlichen Bekämpfung von Schad- und Vektorinsekten nutzbar gemacht werden kann. Nach der Zulassung des von »GreenLight Biosciences« entwickelte RNAi-Sprays, konnte das Fraunhofer IME in Kooperation den Wirkmechanismus nachweisen und charakterisieren. Damit ist eine neue Ära im Pflanzenschutz eingeleitet worden, denn diese Entdeckung könnte es ermöglichen ein RNAI-Spray Zulassungsverfahren in Europa zu unterstützen. Von dieser globalen Spitzenforschung sollen auch die deutschen Landwirtinnen und Landwirte profitieren.
Was die Forschung an Schadinsekten betrifft, kooperiert das Fraunhofer IME mit lokalen Partnern wie dem Verband der Hessisch-Pfälzischen Zuckerrübenanbauer e.V., dessen Geschäftsführer, Dr. Christian Lang, ebenfalls zu den Gästen zählte. In verschiedenen gemeinsamen Projekten wurde festgestellt, dass sich die Schilf-Glasflügelzikade von einer »Roten Listen« Art zu einem Überträger von Pflanzenkrankheiten an Zuckerrüben entwickelt hat und nun deren Anbau in Deutschland bedroht.
Vilcinskas betont, dass in gemeinsamen Drittmittelprojekten festgestellt wurde, dass diese Zikadenart auch auf die Kartoffel übergesprungen ist und deshalb eine erhebliche Gefahr für die heimischen Kartoffelbäuerinnen und -Bauern. Aus diesem Grund forschen die JLU Gießen und das Fraunhofer IME an der Entwicklung eines RNAi-Sprays gegen »Germany‘s Next Top Schädling« (Mehr Info).
Im anschließenden offiziellen Teil begrüßte Prof. Dr. Andreas Vilcinskas die Ministerin und die geladenen Gäste. Er erläuterte, warum Gießen in der Insektenbiotechnologie als weltweit führender Standort gilt und wie mit der Gelben Biotechnologie neue Wege für den nachhaltigen Pflanzenschutz und eine ressourcenschonende Landwirtschaft erschlossen werden. »Unsere Forschung reicht von RNAi-basierten Biopestiziden bis hin zur Nutzung von Insekten als Proteinquelle und nachhaltigem Dünger. Damit leisten wir einen konkreten Beitrag zur Agrarwende«, eröffnete Vilcinskas.
Bundesministerin Dorothee Bär hob die gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung der Arbeiten in Gießen hervor: »Die Arbeiten am Fraunhofer IME haben nicht nur wissenschaftliches, sondern auch ein enormes wirtschaftliches Potenzial für unsere Agrar- und Nahrungsmittelindustrie, weil ihre Technologieentwicklung dazu beiträgt, die durch Schadinsekten verursachten wirtschaftlichen Einbußen zu verringern. Und wir reden hier nicht von Peanuts: Weltweit gehen jährlich bis zu 40 Prozent der Ernteerträge durch Schädlinge und Krankheiten verloren – im Wert von rund 200 Milliarden Euro.«
Zugleich unterstrich sie die Rolle des weiblichen wissenschaftlichen Nachwuchses: »Deshalb freue ich mich besonders über Nachwuchsgruppenleiterinnen wie Dr. Tegtmeier und Dr. Hardes, die wir mit Programmen wie »BioKreativ« und der Förderung von Nachwuchsgruppen in der Infektionsforschung unterstützen«, so Bär weiter. »Ich habe heute gesehen, dass sie genau das mitbringen, was wir brauchen: diesen Spirit und eine mutige Forschung, die schnell den Weg in die Anwendung findet.«
Der Vorstand »Forschung und Transfer« der Fraunhofer-Gesellschaft, Prof. Dr. Constantin Haefner, würdigte die Bedeutung des Standorts Gießen und des neuen Gebäudes des Institutsteils Bioressourcen: »Wenn man heute durch dieses neue Gebäude geht, spürt man sofort: Hier arbeiten Menschen an Themen, die uns alle direkt betreffen – unser Essen, unsere Umwelt, unsere Gesundheit. Und sie tun das mit großer Leidenschaft und einem klaren Ziel: Forschung soll wirken.«
Die Vizepräsidenten der Justus-Liebig-Universität, Prof. Dr. Alexander Goesmann und Prof. Dr. Karsten Krüger, erläuterten der Bundesministerin Bär in ihrem Grußwort, dass im Rahmen der Exzellenzinitiative des Bundes die JLU drei und die Universität Marburg einen Exzellenzcluster eingeworben haben. Zudem stellen sie gemeinsam mit der Technischen Hochschule Mittelhessen einen Exzellenzantrag, an dem sich auch das Fraunhofer beteiligt.
Mit der Initiative »H_CORE – Hessian Collaboration for Research Excellence« wird die historisch einmalige Chance genutzt, die mittelhessischen Universitäten in die Exzellenz zu führen.
Der Bundestagsabgeordnete Frederik Bouffier betonte in seinem abschließenden Grußwort: »Gießen und Mittelhessen sind ein Hotspot, was Wissenschaft angeht, und wir wollen diesen natürlich auch ausbauen. Das geht am besten dadurch, dass man Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammenbündelt.«
Beim anschließenden Rundgang durch das Atrium stellte die Nachwuchsgruppenleiterin Dr. Dorothee Tegtmeier ihre Arbeiten zur Nutzung von Insektenlarven vor. Ihr vom BMFTR gefördertes Projekt zielt darauf ab, Larven als Futtermittel in der Aquakultur einzusetzen und gleichzeitig hochwertige, klimafreundliche Dünger zu erzeugen. So werden organische Reststoffe effizient genutzt und Nährstoffkreisläufe geschlossen. Von Insekten produzierter Dünger stellt eine Alternative zu chemischem Dünger dar, dessen Preis gegenwärtig durch den Krieg im Iran steigt (Mehr Info).
Darüber hinaus präsentierten hessische Start-ups, die am Fraunhofer IME angesiedelt sind, der Ministerin ihre innovativen Produkte im Bereich Agrar- und Insektenbiotechnologie und zeigten, wie aus Forschung marktfähige Lösungen entstehen. »Prombyx« stellte sein nachhaltig produziertes Katzen- und Hundefutter vor, das aus Seidenraupen gewonnen wird. Das Unternehmen »SWARM-Biotactics« möchte Aufklärungstechnologien mit ferngesteuerten Cyborg-Insekten revolutionieren. Und das Unternehmen »EntoSolutions« erläuterte der Ministerin, wie man aus den Resten der industriellen Insektenzucht über Pyrolyse eine Biokohle herstellen kann, mit der sich klimaneutraler Beton produzieren lässt.
Ein besonderes Highlight war die Verkostung von mit Chili gewürzten Insektenlarven. Nach der Kostprobe kommentierte Dorothee Bär augenzwinkernd: »Mit Chili schmecken die gar nicht so übel.«
Mit ihrem Besuch unterstrich Bundesministerin Dorothee Bär die Rolle des Fraunhofer IME in Gießen als wichtigen Standort für innovative Lösungen an der Schnittstelle von Agrarwirtschaft, Umwelt- und Gesundheitsschutz.
Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME