Im Gespräch: Dr. Harald Seulberger

Kuratoriumsvorsitzender des Fraunhofer IME

© privat
Dr. Harald Seulberger

Herr Dr. Seulberger, wie wurden Sie Kurator des Fraunhofer IME?

Im Jahr 2006 fand eine externe Begutachtung des IME statt, an der ich als Auditor teilnahm. Im Anschluss fragte mich der damalige Institutsdirektor Prof. Dr. Rainer Fischer, ob ich im Kuratorium mitarbeiten wolle, da ich über eine breite, auf das IME passende wissenschaftliche und unternehmerische Expertise verfügte. Ich wurde dann 2009 offiziell ins Kuratorium berufen und 2013 - nach dem Ausscheiden des damaligen Vorsitzenden Prof. Dr. Dieter Berg - übernahm ich den Kuratoriumsvorsitz. Die Arbeit im Kuratorium ist ein Ehrenamt und sie hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Ich konnte viele, tolle und sympathische Menschen kennen lernen, die auch herausragende Wissenschaftler*innen und Expert*innen sind.

Welche Aufgaben hat das Kuratorium des IME?

Das Kuratorium hat eine unabhängige Beratungs-, Sparrings- und Netzwerkfunktion für die Institutsleitung, aber auch für Wissenschaftler am Institut und besteht aktuell aus 11 Mitgliedern. In den Kuratoriumssitzungen wird diskutiert, ob das Institut mit seinen Schwerpunkten und Projekten gemäß der Fraunhofer-Grundsätze auf Kurs ist und ob die richtigen Zukunftsthemen mit wirtschaftlichem Anwendungspotential adressiert werden. Es wird besprochen, wo seitens des Kuratoriums weitere wichtige Anwendungsfelder liegen und wo es z. B. Fördermöglichkeiten gibt. Das Kuratorium ist daher mit Vertretern der Zuwendungsgeber, der Wissenschaft und von kleineren und größeren Unternehmen besetzt. Wichtig ist dabei auch das Netzwerk der Kuratoriumsmitglieder, das schon einmal helfen kann, Kontakte herzustellen und Verwertungsoptionen zu identifizieren. Das Kuratorium ist damit nicht vergleichbar mit einem Aufsichtsrat in einem Unternehmen, der auch wirtschaftliche Kontrollfunktionen hat. Trotzdem geben wir, soweit möglich, auch Ratschläge bei wirtschaftlichen Themen. Zudem wenden wir uns auch an das Fraunhofer Präsidium, wenn wichtige Institutsthemen dort mehr Sichtbarkeit bekommen sollen.
 

Was waren Ihre größten Herausforderungen im Kuratorium?

Generell gesprochen lief das Institut über die vielen Jahre ja extrem gut und die Aufgaben des Kuratoriums bestanden häufig lediglich darin, die Institutsleitung und die Mitarbeitenden zu ihren großen Erfolgen zu beglückwünschen. Aber es gab natürlich auch Herausforderungen. Bei mehreren Themen konnte das Kuratorium unterstützen.

Zu nennen ist hier sicherlich die Zeit, als 2017 Prof. Dr. Fischer das Institut verließ und eine neue Form der Institutsführung etabliert wurde. Eine Institutsführung mit mehreren Leitern war Neuland für Fraunhofer und es musste ein Weg gefunden werden, wie das Institut kommissarisch geleitet und alle zufrieden gestellt werden konnten. Letztlich fungierte gegenüber der Fraunhofer-Zentrale ein Name kommissarisch als Institutsleiter, aber die Führung agierte hervorragend als Team. Dieses Leitungsgremium hatte damals auch sehr anspruchsvolle Themen zu bewältigen, da die Auslandsaktivitäten in den USA und in Chile konsolidiert werden mussten.

Dann kam die Abspaltung der translationalen Medizin in das neu geschaffene Fraunhofer ITMP unter Leitung von Prof. Dr. Dr. Gerd Geisslinger. Der Schritt war sicher richtig, da auch das Strategieaudit 2015 bereits gezeigt hatte, dass das Institut zwar sehr erfolgreich arbeitete, aber einfach zu groß und zu divers geworden war, um eine stringente gemeinsam Gesamtstrategie zukunftsorientiert umsetzen zu können. Die Trennung war auch ein deutlicher Einschnitt beim Kuratorium, das gerade einige neue Mitglieder gut integriert hatte und nun halbiert wurde.

Des Weiteren ist die Berufung der heutigen Institutsleitung mit Prof. Dr. Stefan Schillberg und Prof. Dr. Christoph Schäfers zu nennen, die sich aus meiner Sicht einfach zu lange hingezogen hat. Hier durfte ich übrigens das Kuratorium in der Fraunhofer-Berufungskommission vertreten.

Weitere Herausforderungen waren die Neubauten in Schmallenberg und Gießen und die manchmal unzureichende Zusammenarbeit mit der Fraunhofer-Zentrale.

Aktuell zeigt sich, dass die wirtschaftliche Situation in Deutschland auch auf die Auftragsforschung und die Forschungsförderung durchschlägt, was zudem auf gestiegene Kosten durch Energie und die neue Infrastruktur am IME trifft. Aber das IME hat ja einige Herausforderungen gemeistert und wird mit seiner kompetenten und engagierten Leitung und seinen hervorragenden Wissenschaftlern auch diese aktuellen Themen hinbekommen.

Interessant - Wie sehen Sie die Zukunft des IME?

Hier kann ich einen Satz aus dem Strategieauditbericht 2024 zitieren:
 

        »Das IME ist nach wie vor ein sehr starkes und leitungsfähiges Fraunhofer-Institut mit hoher wissenschaftlicher und technischer Kompetenz, spezifischem Know-how und mehreren Alleinstellungsmerkmalen in den Bereichen der Bioökonomie und der Stoffbewertung.«

 

Damit ist fast alles gesagt. Ich denke das Potential des Fraunhofer-Instituts ist enorm, aber es wird natürlich jetzt darauf ankommen, die angesprochene aktuelle Situation schnell zu überwinden. Dabei ist nicht nur die Leitung, sondern jeder Mitarbeiter gefordert. In Zeiten wie diesen muss der Gesamterfolg des Instituts über Individualinteressen stehen.
 

Was planen Sie für die nächste Zukunft?

Nun, ich bin bis Ende 2027 von Herrn Prof Dr. Holger Hanselka ins Kuratorium berufen. Da ich inzwischen bei der BASF pensioniert wurde, macht es sicher keinen Sinn das Mandat weiter zu verlängern. Das Kuratorium muss aus Mitgliedern bestehen, die über ein Netzwerk aktiver Player verfügen, und das wird im Rentenalter natürlicherweise kleiner. Ich werde also darauf hinwirken, dass das Kuratorium im nächsten Jahr einen neuen Vorsitzenden beruft. Beratend werde ich dem Institut wie bisher auch als Rentner gerne weiter zur Verfügung stehen, wenn das gewünscht ist und entsprechender Bedarf besteht. Auf meine persönliche Situation blickend sind meine Aktivitäten sehr breit angelegt. Ich interessiere mich für Kunst und Kultur und unter anderem höre ich an der Universität Mannheim Psychologievorlesungen. Vielleicht auch erwähnenswert: ich wurde bei der DLRG aktiv und gebe Grundschulkindern Schwimmunterricht.