An einem kalten Herbsttag im Jahr 2018 machten sich zwei Doktoranden, im Bergwerkswald bei Gießen auf Schatzsuche. Die Geschichte des Waldes ist eng mit dem historischen Eisen- und Manganbergbau verbunden. Doch statt Erz suchten Markus Oberpaul und Stephan Brinkmannnach einem ganz anderen Schatz: Mikroorganismen, die im Boden verborgen leben.
Denn Mikroorganismen haben uns bereits Antibiotika, wertvolle Enzyme und zahlreiche weitere nützliche Stoffe geliefert. Und dennoch ist ein großer Teil der mikrobiellen Vielfalt bis heute kaum erforscht,insbesondere die Mikroorganismen, die sich im Labor nur schwer kultivieren lassen.
Im Mittelpunkt der Suche der beiden Forschenden standen Acidobacteriota, kurz Acidos eine im Boden weit verbreitete, bislang jedoch wenig untersuchte Bakteriengruppe. An der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU), im siebten Stock der alten Chemie kultivierten sie einzelne Bakterienzellen in winzigen Tröpfchen. In dieser geschützten Mikroumgebung sind langsam wachsende Mikroorganismen vor der Konkurrenz durch schneller-wachsende Mikroorganismen geschützt.
Der Aufwand hat sich gelohnt:
Einer der gewonnenen Stämme, FHG110511, wird heute in der Biobank des Fraunhofer IME aufbewahrt. Als lebende mikrobielle Ressource bleibt er für neue Fragestellungen verfügbar und kann erneut kultiviert, analysiert und mit neuen Methoden untersucht werden.
Das ist besonders wertvoll, denn viele Acidos wachsen nur langsam. FHG110511 hingegen gedeiht unter Laborbedingungen überraschend gut, eine wichtige Voraussetzung, um sein Potenzial gezielt zu erforschen. Hier zeigt sich auch der besondere Wert einer lebenden Biobank: Sie bewahrt nicht nur genetische Informationen, sondern stellt auch kultivierbare Mikroorganismen für die Forschung bereit.
Wenn sich bislang wenig untersuchte Mikroorganismen kultivieren lassen, wird ihre verborgene Chemie zugänglich. Sie können ungewöhnliche Moleküle und Enzyme bilden sowie besondere Anpassungsstrategien entwickeln, Eigenschaften, die langfristig für industrielle Prozesse oder Umwelttechnologien relevant sein könnten.
Die Naturstoffgruppe am Fraunhofer IME untersucht, welche Moleküle die Mikroorganismen der Biobank produzieren und wie sich ihre Stoffwechselprodukte unter unterschiedlichen Bedingungen verändern. Dafür verbindet das Team Kultivierungsexperimente mit chemischer Analytik, Genomanalysen und Bioaktivitätstests, um Naturstoffpotenziale gezielt aufzuspüren und weiter zu erforschen.
Bei den untersuchten Acidos zeigte sich dieses Potenzial besonders deutlich: Die Zugabe von Tryptophan, einer Aminosäure und damit Baustein von Proteinen, veränderte das Stoffwechselprofil des Bakteriums deutlich. Dabei wurden Pflanzenhormone sowie weitere kleine Moleküle nachgewiesen. Einige Extrakte aus den Kulturen zeigten zudem eine antifungale Wirkung.
Das sind vielversprechende Ansatzpunkte für die Forschung, aber noch keine bestätigten Anwendungen. Die detaillierten wissenschaftlichen Ergebnisse sind in dieser Studie beschrieben:
Tryptophan-driven metabolomic shift in Acidobacteriaceae reveals phytohormones and antifungal metabolites | mSystems
Die Schatzsuche geht weiter: Das Genom von FHG110511 enthält Hinweise auf weitere Biosynthesewege,und damit auf Moleküle, die es noch zu entdecken gilt!
Ein Genom ist eine Schatzkarte. Ein lebender Stamm lässt uns weitergraben!